Queer-O-mat

Identitäts-Kriege im Internet

Das Panel „Identitäts-Kriege im Internet“ auf der letzten re:publica ließ mich nachdenken, über Identitäten und deren Bildung/Herausformung im Internet.
Wie bilden sich Identitäten, mit welchen Identitäten müssen oder können wir jeden Tag spielen, sind sie verhandelbar? Wie wirkt sich das Internet auf die Identitätsbildung aus? Kann mensch sich nach Belieben eine neue zulegen? Stärkt die Neuanschaffung von Identität den Individualismus oder doch die Gruppe? Alles scheint mir möglich zu sein. Einerseits stärkt das Internet Individualidentitäten, die in der Offline-Welt beschwerlicher zu leben sind – gedacht sei an queere Identitäten, die im Internet wesentlich schneller Anschluss an ein entsprechendes Netzwerk finden, als in einem 300 Seelen-Dorf. Schließlich ist das Regulieren von Identitäten im Internet nur schwer möglich, da jede_r sich sein_e Wunschidentität zu- und auch wieder ablegen kann.
Das Erfinden bzw. Leben einer Identität im Internet scheint vergleichsweise einfach, ist teilweise sogar als Sportart anerkannt. Dies ermöglicht auch das stetige Wechseln zwischen Gruppenidentitäten/“Staatsbürgerschaften“ und kann eine neue Form von politischen Verhältnissen fördern, da der Wechsel an einen Ort, an dem es einem besser gefällt, einfacher ist, wenn mensch nicht mit „Klarnamen“ unterwegs ist.

Nichts desto trotz fördert das Internet auch Gruppenidentitäten, mit all ihren restriktiven Möglichkeiten. Letztlich bildet das Internet eine gesellschaftliche Struktur ab, die zwar leichter konfigurierbar, jedoch nicht regellos ist. Das zeigen unzählige Identitätskämpfe in einem scheinbar unendlichen (Online-)Kontinuum von Identitätsmöglichkeiten. Viele Netzwerke wünschen sich detaillierte Profilangaben der Nutzer_innen – z.B. bei Facebook muss mensch einen „echten“ Namen angeben oder kann nur mit einer Person in Beziehung leben (wer Polyamorösität vorzieht, hat in diesem Punkt schon verloren). Oder Gayromeo, wo nur anhaltende Proteste es Trans*Personen ermöglichten im Netzwerk zu bleiben („Wir ge­stat­ten Per­so­nen mit Ge­schlechts­um­wand­lun­gen ‚Mann zu Frau‘ und ‚Frau zu Mann‘ (beide vor und nach Ope­ra­ti­on), Pro­fi­le bei Gay­Ro­meo zu füh­ren.“) Trans*gender*Personen, die sich nicht qua Operation an ein biologisches Geschlecht anpassen wollen, bleiben ausgeschlossen, da Trans*Menschen nur dann zugelassen sind, wenn sie eine Operation durchgeführt haben oder intendieren. Hinzu kommt, dass Trans*Menschen im Profil eine Transgender*Identität klar herausstellen/benennen müssen, um mitwirken zu können – ungeachtet des Umstands, dass sie dieses eventuell gar nicht möchten.

Zwar kann die neue liquide Form der Identitätsbildung zu einer Aufweichung bisher kohärent vorangenommener Identitäten (Geschlecht, Ethnie usw.) führen, wird dennoch der übliche Prozess der Identitätsbildung lediglich in ein nicht-habtisches Medium übertragen – unter der Gefahr hegemoniale Strukturen zu reproduzieren. Zugleich scheint nicht gefördert werden zu können, dass virtuell sich aufspaltende Identitäten in der außer-virtuellen Umgebung gleichermaßen realisierbar werden. Stattdessen lösen diese virtuellen Identitäten, die schwer greifbar sind, weil sie eben im seltensten Fall auf einen Menschen zurückgeführt werden können, die Angst aus, einen Kollaps des bisherigen Menschenbildes hervorzurufen. Der Traum einer eineindeutigen IP-Adresse bzw. Kennnummer pro Mensch ist für einige noch nicht ausgeträumt – deshalb versucht z.B. auch Facebook nur „echte“ Menschen zu verifizieren und zuzulassen. Indem die Netzidentität eng an eine staatsbürgerschaftliche und kohärente Identität gekoppelt wird, soll eine Ordnung in die Unordnung des Internets gebracht werden, die stark an die hegemonialen Werte unserer „realen“ Gegenwart erinnert.

Aus diesem Grund wird weiter zu beobachten sein, inwiefern sich deterministische Identitätskonzepte im Netz durchsetzen oder sich Räume öffnen für deren Sprengung.

Francesca

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