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Queer-O-mat

Quer gelesen: Gender/Queer Studies. Eine Einführung von Nina Degele.

Rezension: Degele, Nina (2008). Gender/Queer Studies. Eine Einführung. München: Fink (UTB) Erster Band der Einführungsreihe „Basiswissen Soziologie“ (Hg. mit Christian Dries und Dominique Schirmer).
Von Katrin Köppert, 31.07.2008 (Ausstrahlung beim Transgenderadio am 03.08. und 17.08.2008)

Nina Degeles neu erschienenes Lehrbuch „Gender/Queer Studies“ ergänzt die Reihe rot leuchtender Einführungslektüren, ist jedoch im Buchregal neben den von Christina von Braun und Inge Stephan herausgegebenen Einführungen weniger einnehmend. Dass sich das erste Buch der neuen Lehrbuchreihe „Basiswissen Soziologie“ auch inhaltlich einer zu beobachtenden Verflachung neuer Bachelor-Studiengänge anpasst, könnte hinsichtlich der Aufmachung diskutiert werden. Mit dem Anspruch Geschlechter –und Queere Theorien anwendungsorientiert, lesefreundlich und didaktisch modern aufzubereiten, finden sich auf dem Cover sowie den einzelnen Kapiteln übergeordnet Bilder verschieden zurechtgemachter, geschlechtlich diverser Barbiepuppen.
Auf den Originalitätswert dessen nicht weiter eingehend, wird Zweigeschlechtlichkeit anhand der Barbiepuppen eingeführt, um sie zu zugleich zu subvertieren. Ob diese Bildauswahl im Zusammenhang von Heteronormativitätskritik angebracht ist, sei dahingestellt. Auf alle Fälle suggeriert die Repräsentation von Barbie und Ken, dass Gender-Studien ähnlich konsumierbar und einer Bebilderungsmaschinerie entsprechend verwertbar sind bzw. zu sein haben. Vermeintlich bekannte Muster werden verqueert angeteasert, um Absatz zu finden. Zudem folgt der Aufbau des Buches dem Vermarktungspostulat von Wissenschaft. Es soll einem leicht gemacht werden, sich inhaltlich anzunähern. Bilder lockern das Textgeschwader auf, Randbemerkungen fassen vermeintlich spannende Textstellen zusammen und Stichpunkte strukturieren den Text. Ob sich das Prinzip bezahlt macht, wenn mensch für die Prüfung lernt und sich auf vorgegebene Stichpunkte stützt, kann an dieser Stelle nicht nachgeprüft werden. Jedoch ist zu bezweifeln, dass mensch fremde Stichpunkte besser als selbst durchdachte erinnern wird. Zumal die Didaktisierung zu weiten Teilen konstruiert erscheint, da die Aufteilung der Stichpunkte nicht zwingend nachvollziehbar ist. Wie dem auch sei versucht das Buch der universitären Entwicklung von Komplexitätsreduktion und Verknappung zu folgen – und das in einem Bereich, in dem kritisches Denken und ein hohes Maß an Reflexionsleistung und -bereitschaft nicht nur aufschlussreich, sondern unabdingbar und wichtig ist.

Sieht mensch über den ersten Eindruck des sich in Büchern niederschlagenden Wissenschaftsdarwinismus hinweg, hält mensch ein Buch in der Hand, was durchaus taugt für das Grundstudium bzw. Bachelorstudium, für das es mit dem Button utb – Bachelor Bibliothek beworben wird. Es bietet einen guten Überblick über die Geschichte der Gender/Queer Studies sowie deren Theorien und Methodologien. Dabei werden drei Strömungen bzw. Theorieperspektiven zu Grunde gelegt, deren künstliches Auseinanderhalten eine Klassifizierung von Gender-Wissen versucht. Die Einordnung und Abspaltung von strukturorientierter Gesellschaftskritik, interaktionistischem Konstruktivismus und diskurstheoretischem Dekonstruktivismus läuft meiner Meinung nach dem Anspruch des Buches zuwider, die Gender/Queer-Studien als Verunsicherungswissenschaft geltend zu machen. Verunsichert ist mensch letztlich über die Trennung eines kaum Trennbaren.

Eine Stärke des Buches ist hingegen, Gender und Queer zunehmend zusammen zu denken, ohne die jeweiligen Potentiale und Schwächen gegeneinander auszuspielen. Die Etablierung der Gender Studies versus die Marginalisierung von Queer Studies an den Universitäten wird relativiert, indem beide Strömungen miteinander verschränkt betrachtet werden. Das Buch bildet somit ein Passepartout verschiedener Diskursstränge, Genealogien und vor allem auch wichtiger Vertreter_innen und Vordenker_innen der Geschlechterstudien, aus den mensch sich wie aus einem Werkzeugkasten bedienen kann, um empirisch weiterzuarbeiten.

Die empirische Anwendung von Theorien wird im zweiten Teil des Buches exemplarisch vorgeführt, in dem zentrale Themen der Geschlechterforschung von verschiedenen Autor_innen unter dem Gesichtspunkt der vorher besprochenen Theorien vorgestellt werden. Daraus resultiert einerseits, dass sich das Buch öffnet und den soziologisch begründeten ersten Teil disziplinär erweitert, was hinsichtlich der Transdisziplinarität der Gender Studies in einem Lehrbuch mit einführendem Charakter zwingend notwendig ist. Andererseits entsteht mit dem zweiten Teil ein Bruch, insofern dass die Trennung von strukturorientierter Gesellschaftskritik, interaktionistischem Konstruktivismus und diskurstheoretischem Dekonstruktivismus nicht konsequent in allen Texten umgesetzt bzw. demonstriert wird. Somit erscheint die künstlich anmutende Klassifizierung des ersten Teils hinlänglich. Schließlich geht es nicht darum, aufzuzeigen, anhand welcher Themen die Einordnung von Theorieperspektiven Anwendung findet, sondern inwiefern die Geschlechterperspektive sowie die queerenden Aspekte der Analysen Aufschluss über gesellschaftliche Prozesse und Diskursformationen allgemein geben.

Dass der zweite Teil interessante und zentrale Themen der Gender/Queer Studies versammelt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Perspektive der Intersektionalität unterbeleuchtet ist. Setzt man den Text von Volker Woltersdorff und dessen Kontextualisierung von Queer und Hartz IV bzw. Geschlecht im Neoliberalismus in Klammern, schafft das Buch nicht, was als Methodologie der Gender/Queer Studies im ersten Teil vorgestellt wird. Intersektionalität als Ansatz „kontextspezifischer Untersuchungen von Überschneidungen und des Zusammenwirkens verschiedener gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen“ wird insofern ausgeblendet, dass auf der Anwendungsebene die Kategorien Geschlecht, Klasse, „Race“, Andere Befähigung, Alter etc. kaum zusammengeführt bzw. in deren Verwobenheit nicht betrachtet werden. Transsexualität, Pornografie, Prostitution, um nur einige Beispiele der verhandelten Themen zu nennen, werden auf Geschlecht als Strukturkategorie reduziert analysiert. An den Stellen, an denen kontextspezifische Diskriminierungsformen erwähnt werden, findet die Perspektive keinen nachhaltigen verstörenden Eingang in die Analyse und verharrt in einem Zentrismus weißer, mittelständischer, nicht-behinderter Wissenschaft.

Das Buch wird im Grunde genommen den Widersprüchlichkeiten der Gender/Queer Studies gerecht und kann diese nicht aufheben. Es verunsichert mehr als es „Wahrheiten“ oder Erkenntnisse schafft. In der Widersprüchlichkeit, Wahrheiten bewusst hintergehen, aber zugleich einen Wissenstransfer betreiben zu wollen, der eingängig und auf klaren Strukturen basierend funktionieren soll, liegt die Crux von geschlechter(de)konstruktiver Theoretisierung und pragmatisch praktikabler Umsetzung versteckt. Dieser Antagonismus von so genannt moderner Wissenschaft und der Verweigerung von gesichertem Wissen ist unter dem Strich eine verunsichernde Praxis. Studierende, interessierte und kritische Köpfe bleiben am Ende sich selbst überlassen, hoffentlich inspiriert und motiviert, aus der Ortlosigkeit von Wissen neue und produktive Un-Orte des Hinterfragens und Störens zu finden und zu gestalten.

Degele, Nina (2008): Gender/Queer Studies. Eine Einführung. München: Fink (UTB) Erster Band der Einführungsreihe „Basiswissen Soziologie“ (Hg. mit Christian Dries und Dominique Schirmer).
Braun, Christina von, Stephan, Inge (Hrsg) (2000): Gender Studien. Eine Einführung. Stuttgart; Weimar: J.B. Metzler.

Braun, Christina von, Stephan, Inge (Hrsg) (2005): Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorien. Köln; Weimar; Wien: Böhlau (UTB).

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