Queer-O-mat

Judith Butler „Frames of War“

Foto von wikipedia.de

Mit Heerscharen stürmten wir in die FU Berlin und drängten in Richtung Audimax, um überraschenderweise schon zu dem Zeitpunkt in einen der Hörsäle verwiesen zu werden. Schnell wurde klar, dass die Ikone der Gender Studies und der Popstar des Dekonstruktivismus Judith Butler Massen anzuziehen in der Lage ist. Das weit verbreitete Gender (Studies)-Bashing lässt nicht vermuten, dass derart viele Anhänger_innen Butlers wie bei einem Popkonzert eingeklemmt auf ihren Plätzen bereit sind, ihr ein Ohr, ein Herz und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Aber diesbezüglich lassen wir uns gern eines Besseren belehren.

Statt mit Butler sah mensch sich jedoch zuerst mit der Vizepräsidentin Prof. Dr. U. Lehmkuhl und dem Leiter des Dahlem-Humanitiy-Centers Prof. Dr. J. Küpper konfrontiert, die außer Lobreden auf die Exzellenz der FU kaum in der Lage waren, Judith Butler gerecht zu werden. Sich lieber auf organischen Stadtwuchs und die Unsäglichkeiten des Wetters zu berufen, statt den zentralen Begriff der Performativität anerkennend zu rezipieren, stellte nicht nur eine Peinlichkeit, sondern eine Verfehlung dar. Nahezu getoppt wurde diese mit der brustandeutenden Geste und der Befremdlichkeit in der Stimme, als Prof. Lehmkuhl das Wort „Geschlechtsidentität“ sich in den Mund zu nehmen getraute. Dass diese „offiziellen“ Wortbeiträge mit Gelächter und Protest der anwesenden Student_innen bekundet wurden, erleichterte einem ein wenig das Herz. Dieser Erleichterung galt dann wohl auch eher der Beifall als die Exzellenzen abtraten und mensch sich auf Butler freuen konnte.
Dass Butler jedoch für das Ansehen der FU instrumentalisiert wurde, muss dennoch an dieser Stelle erwähnt werden, da sie als Aushängeschild für die Bewerbung der Exzellenzinitiative der FU in den Dienst gestellt wurde. Die FU in ein noch „glänzenderes Licht“ zu stellen, beraubte Butler nahezu ihrer eigenen Stimme, was in dem Anraten der FU der Freundlichkeit halber den Vortrag auf Englisch zu halten, Entsprechung fand. Selbstverständlich wurde aufgrund der Exzellenz keine Übersetzung angeboten, was es in unserem Umfeld einigen schwer machte, den kapriziösen Ausführungen Butlers zu folgen.

Doch ist Mensch geneigt, ihr das zu verzeihen, entwickelte sie im Folgenden eine scheinbar banale These auf dem Grundgerüst ihres Verständnisses der Konstruktion und Wertung von Leben.
Ausgehend von der Frage, welche Möglichkeiten wir haben, Leben zu schützen vor dem Hintergrund eines steigenden Unsicherheitsgefühls verbunden mit zunehmender Gewalt, fragt sie erst einmal nach dem Leben an sich. Aus der Perspektive des Dekonstruktivismus schlussfolgert sie, dass Leben keine Essenz hat, sondern konstruiert und anhand einer „crafting power“ hergestellt wird. Diese sich an Normen ausrichtenden Kräfte produzieren und verschieben gleichermaßen die Subjekte, die sich in Abwandlung der „Phänomenologie des Geistes“ von Hegel aus der Singularität und Ersetzbarkeit (substitutability) ergeben. Ein singuläres Ich kann es daher nicht geben, sondern muss als pluralisiertes Ich verstanden werden, das sich nur durch ein Gegenüber wahrnehmen kann, von dem es sich unterscheidet. Dieses Andere ist somit nicht außerhalb des eigenen Subjekts zu denken, sondern ist konstitutiver Bestandteil des eigenen Ichs bzw. Lebens, das kein singuläres, sondern ein sich aus verschiedenen Ichs zusammensetzendes Subjekt ist. Die Anerkennung meines Ichs in der Austauschbarkeit meiner Ichs bedeutet die Anderen, die mir in nur einer bestimmten Ausformung ähneln, anzuerkennen. Sich von einem anderen Leben zu distanzieren, würde somit heißen, sich von sich selbst zu distanzieren. Anders formuliert: den Anderen zu töten, hieße, sich selbst zu töten. Das Diktum zu töten, um zu siegen, würde daher umgedreht verstanden werden müssen: zu töten, um zu verlieren. In dieser komplexen Herleitung findet sich der moralphilosophische Anspruch des Schutzes jedes Lebens unter Verzicht jeglicher Gewaltanwendung wieder, was sie mit einem kurzen Statement zum Gazakrieg unterfüttert. Es könne nicht um die Maximierung der Unsicherheit auf der einen Seite zur Minimierung der Unsicherheit auf der anderen Seite gehen, da die Leben auf beiden Seiten nicht voneinander abkoppelbar sind. Die Abhängigkeit anzuerkennen statt das Postulat der Freiheit zu bejubeln, könnte zur Solidarität auf Basis der Anonymität führen. Solange Staat und Medien die Abhängigkeiten negieren und das Lebens der Anderen nicht als wertvoll oder betrauerungswürdig wahrnehmen und anerkennen, bleiben alle Leben im Arsenal des Krieges gefangen.

Dass es keine Diskussion im Anschluss gab, mag daran liegen, dass auch das die FU Butler verboten (denn in London wurde diskutiert) oder die Veranstalter_innen sich auf keine Diskussion bezüglich des unsäglichen Beginns der Veranstaltung einlassen wollten oder dass die Kernaussage ihres Vortrages so eindrücklich wie wichtig ist, dass es keiner Kommentierung bedurfte. Darüber kann dann wohl diskutiert werden.

Radiokommentar

Podcast des Vortrages in London

Artikel zu Butlers Kommentierung der Wahl Obamas

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