Die Zeitschrift gegen die Realität - Phase2 - versucht sich mit der Juni Ausgabe mit einem Queer Schwerpunkt und und lotet dabei auch das Verhältnis von Queer und Marxismus aus. Insofern sich eine Linke in der Tradition der Aufklärung sieht, scheint es unumgänglich, dass eine Auseinandersetzung mit dem emanzipatorischen Potential queerer Theorien stattfinden muss, da queer die objektiven und materiellen Verhältnisse, an denen der Marixmismus Kritik übt, zu dekonstruieren versucht. Doch wie umgehen mit dem linken Unbehagen von Gewicht gegenüber dem queeren Unbetragen? Wie kann die Linke an etwas Kritik üben, was die queere Theorie in der Existenz an sich in Frage stellt - wie eben die Zweigeschlechtlichkeit. Einige Anhaltspunkte für die weiterführende Diskussion finden sich in der neuen Phase2. Zu empfehlen auch ist Kilby2 - die Literaturbeilage u.a. mit einer Rezension von Georg Klaudas "Die Vertreibung aus dem Serail"
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Unbetragen von Gewicht - Queer Schwerpunkt in Phase2
Samstag, 7. Februar 2009
Judith Butler "Frames of War"
Mit Heerscharen stürmten wir in die FU Berlin und drängten in Richtung Audimax, um überraschenderweise schon zu dem Zeitpunkt in einen der Hörsäle verwiesen zu werden. Schnell wurde klar, dass die Ikone der Gender Studies und der Popstar des Dekonstruktivismus Judith Butler Massen anzuziehen in der Lage ist. Das weit verbreitete Gender (Studies)-Bashing lässt nicht vermuten, dass derart viele Anhänger_innen Butlers wie bei einem Popkonzert eingeklemmt auf ihren Plätzen bereit sind, ihr ein Ohr, ein Herz und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Aber diesbezüglich lassen wir uns gern eines Besseren belehren.
Statt mit Butler sah mensch sich jedoch zuerst mit der Vizepräsidentin Prof. Dr. U. Lehmkuhl und dem Leiter des Dahlem-Humanitiy-Centers Prof. Dr. J. Küpper konfrontiert, die außer Lobreden auf die Exzellenz der FU kaum in der Lage waren, Judith Butler gerecht zu werden. Sich lieber auf organischen Stadtwuchs und die Unsäglichkeiten des Wetters zu berufen, statt den zentralen Begriff der Performativität anerkennend zu rezipieren, stellte nicht nur eine Peinlichkeit, sondern eine Verfehlung dar. Nahezu getoppt wurde diese mit der brustandeutenden Geste und der Befremdlichkeit in der Stimme, als Prof. Lehmkuhl das Wort „Geschlechtsidentität“ sich in den Mund zu nehmen getraute. Dass diese „offiziellen“ Wortbeiträge mit Gelächter und Protest der anwesenden Student_innen bekundet wurden, erleichterte einem ein wenig das Herz. Dieser Erleichterung galt dann wohl auch eher der Beifall als die Exzellenzen abtraten und mensch sich auf Butler freuen konnte.
Dass Butler jedoch für das Ansehen der FU instrumentalisiert wurde, muss dennoch an dieser Stelle erwähnt werden, da sie als Aushängeschild für die Bewerbung der Exzellenzinitiative der FU in den Dienst gestellt wurde. Die FU in ein noch „glänzenderes Licht“ zu stellen, beraubte Butler nahezu ihrer eigenen Stimme, was in dem Anraten der FU der Freundlichkeit halber den Vortrag auf Englisch zu halten, Entsprechung fand. Selbstverständlich wurde aufgrund der Exzellenz keine Übersetzung angeboten, was es in unserem Umfeld einigen schwer machte, den kapriziösen Ausführungen Butlers zu folgen.
Doch ist Mensch geneigt, ihr das zu verzeihen, entwickelte sie im Folgenden eine scheinbar banale These auf dem Grundgerüst ihres Verständnisses der Konstruktion und Wertung von Leben.
Ausgehend von der Frage, welche Möglichkeiten wir haben, Leben zu schützen vor dem Hintergrund eines steigenden Unsicherheitsgefühls verbunden mit zunehmender Gewalt, fragt sie erst einmal nach dem Leben an sich. Aus der Perspektive des Dekonstruktivismus schlussfolgert sie, dass Leben keine Essenz hat, sondern konstruiert und anhand einer „crafting power“ hergestellt wird. Diese sich an Normen ausrichtenden Kräfte produzieren und verschieben gleichermaßen die Subjekte, die sich in Abwandlung der „Phänomenologie des Geistes“ von Hegel aus der Singularität und Ersetzbarkeit (substitutability) ergeben. Ein singuläres Ich kann es daher nicht geben, sondern muss als pluralisiertes Ich verstanden werden, das sich nur durch ein Gegenüber wahrnehmen kann, von dem es sich unterscheidet. Dieses Andere ist somit nicht außerhalb des eigenen Subjekts zu denken, sondern ist konstitutiver Bestandteil des eigenen Ichs bzw. Lebens, das kein singuläres, sondern ein sich aus verschiedenen Ichs zusammensetzendes Subjekt ist. Die Anerkennung meines Ichs in der Austauschbarkeit meiner Ichs bedeutet die Anderen, die mir in nur einer bestimmten Ausformung ähneln, anzuerkennen. Sich von einem anderen Leben zu distanzieren, würde somit heißen, sich von sich selbst zu distanzieren. Anders formuliert: den Anderen zu töten, hieße, sich selbst zu töten. Das Diktum zu töten, um zu siegen, würde daher umgedreht verstanden werden müssen: zu töten, um zu verlieren. In dieser komplexen Herleitung findet sich der moralphilosophische Anspruch des Schutzes jedes Lebens unter Verzicht jeglicher Gewaltanwendung wieder, was sie mit einem kurzen Statement zum Gazakrieg unterfüttert. Es könne nicht um die Maximierung der Unsicherheit auf der einen Seite zur Minimierung der Unsicherheit auf der anderen Seite gehen, da die Leben auf beiden Seiten nicht voneinander abkoppelbar sind. Die Abhängigkeit anzuerkennen statt das Postulat der Freiheit zu bejubeln, könnte zur Solidarität auf Basis der Anonymität führen. Solange Staat und Medien die Abhängigkeiten negieren und das Lebens der Anderen nicht als wertvoll oder betrauerungswürdig wahrnehmen und anerkennen, bleiben alle Leben im Arsenal des Krieges gefangen.
Dass es keine Diskussion im Anschluss gab, mag daran liegen, dass auch das die FU Butler verboten (denn in London wurde diskutiert) oder die Veranstalter_innen sich auf keine Diskussion bezüglich des unsäglichen Beginns der Veranstaltung einlassen wollten oder dass die Kernaussage ihres Vortrages so eindrücklich wie wichtig ist, dass es keiner Kommentierung bedurfte. Darüber kann dann wohl diskutiert werden.
Radiokommentar
Podcast des Vortrages in London
Artikel zu Butlers Kommentierung der Wahl Obamas
Statt mit Butler sah mensch sich jedoch zuerst mit der Vizepräsidentin Prof. Dr. U. Lehmkuhl und dem Leiter des Dahlem-Humanitiy-Centers Prof. Dr. J. Küpper konfrontiert, die außer Lobreden auf die Exzellenz der FU kaum in der Lage waren, Judith Butler gerecht zu werden. Sich lieber auf organischen Stadtwuchs und die Unsäglichkeiten des Wetters zu berufen, statt den zentralen Begriff der Performativität anerkennend zu rezipieren, stellte nicht nur eine Peinlichkeit, sondern eine Verfehlung dar. Nahezu getoppt wurde diese mit der brustandeutenden Geste und der Befremdlichkeit in der Stimme, als Prof. Lehmkuhl das Wort „Geschlechtsidentität“ sich in den Mund zu nehmen getraute. Dass diese „offiziellen“ Wortbeiträge mit Gelächter und Protest der anwesenden Student_innen bekundet wurden, erleichterte einem ein wenig das Herz. Dieser Erleichterung galt dann wohl auch eher der Beifall als die Exzellenzen abtraten und mensch sich auf Butler freuen konnte.
Dass Butler jedoch für das Ansehen der FU instrumentalisiert wurde, muss dennoch an dieser Stelle erwähnt werden, da sie als Aushängeschild für die Bewerbung der Exzellenzinitiative der FU in den Dienst gestellt wurde. Die FU in ein noch „glänzenderes Licht“ zu stellen, beraubte Butler nahezu ihrer eigenen Stimme, was in dem Anraten der FU der Freundlichkeit halber den Vortrag auf Englisch zu halten, Entsprechung fand. Selbstverständlich wurde aufgrund der Exzellenz keine Übersetzung angeboten, was es in unserem Umfeld einigen schwer machte, den kapriziösen Ausführungen Butlers zu folgen.
Doch ist Mensch geneigt, ihr das zu verzeihen, entwickelte sie im Folgenden eine scheinbar banale These auf dem Grundgerüst ihres Verständnisses der Konstruktion und Wertung von Leben.
Ausgehend von der Frage, welche Möglichkeiten wir haben, Leben zu schützen vor dem Hintergrund eines steigenden Unsicherheitsgefühls verbunden mit zunehmender Gewalt, fragt sie erst einmal nach dem Leben an sich. Aus der Perspektive des Dekonstruktivismus schlussfolgert sie, dass Leben keine Essenz hat, sondern konstruiert und anhand einer „crafting power“ hergestellt wird. Diese sich an Normen ausrichtenden Kräfte produzieren und verschieben gleichermaßen die Subjekte, die sich in Abwandlung der „Phänomenologie des Geistes“ von Hegel aus der Singularität und Ersetzbarkeit (substitutability) ergeben. Ein singuläres Ich kann es daher nicht geben, sondern muss als pluralisiertes Ich verstanden werden, das sich nur durch ein Gegenüber wahrnehmen kann, von dem es sich unterscheidet. Dieses Andere ist somit nicht außerhalb des eigenen Subjekts zu denken, sondern ist konstitutiver Bestandteil des eigenen Ichs bzw. Lebens, das kein singuläres, sondern ein sich aus verschiedenen Ichs zusammensetzendes Subjekt ist. Die Anerkennung meines Ichs in der Austauschbarkeit meiner Ichs bedeutet die Anderen, die mir in nur einer bestimmten Ausformung ähneln, anzuerkennen. Sich von einem anderen Leben zu distanzieren, würde somit heißen, sich von sich selbst zu distanzieren. Anders formuliert: den Anderen zu töten, hieße, sich selbst zu töten. Das Diktum zu töten, um zu siegen, würde daher umgedreht verstanden werden müssen: zu töten, um zu verlieren. In dieser komplexen Herleitung findet sich der moralphilosophische Anspruch des Schutzes jedes Lebens unter Verzicht jeglicher Gewaltanwendung wieder, was sie mit einem kurzen Statement zum Gazakrieg unterfüttert. Es könne nicht um die Maximierung der Unsicherheit auf der einen Seite zur Minimierung der Unsicherheit auf der anderen Seite gehen, da die Leben auf beiden Seiten nicht voneinander abkoppelbar sind. Die Abhängigkeit anzuerkennen statt das Postulat der Freiheit zu bejubeln, könnte zur Solidarität auf Basis der Anonymität führen. Solange Staat und Medien die Abhängigkeiten negieren und das Lebens der Anderen nicht als wertvoll oder betrauerungswürdig wahrnehmen und anerkennen, bleiben alle Leben im Arsenal des Krieges gefangen.
Dass es keine Diskussion im Anschluss gab, mag daran liegen, dass auch das die FU Butler verboten (denn in London wurde diskutiert) oder die Veranstalter_innen sich auf keine Diskussion bezüglich des unsäglichen Beginns der Veranstaltung einlassen wollten oder dass die Kernaussage ihres Vortrages so eindrücklich wie wichtig ist, dass es keiner Kommentierung bedurfte. Darüber kann dann wohl diskutiert werden.
Radiokommentar
Podcast des Vortrages in London
Artikel zu Butlers Kommentierung der Wahl Obamas
Donnerstag, 22. Januar 2009
Judith Butler in Berlin
Am 3. Februar hält Judith Butler die diesjährige Hegel Lectures an der Freien Universität in Berlin.
Judith Butler, Professorin für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California, Berkeley, hält einen Vortrag mit dem Titel „Frames of War“.
Der Vortrag ist in englischer Sprache.
Um Anmeldung wird bis zum 27. Januar unter butler@dhc.fu-berlin.de gebeten.
Wo?
Audimax des Henry Ford-Baus (Garystraße 35, 14195 Berlin-Dahlem - U-Bahnhof Thielplatz).
Wann?
03.02.2009, 19Uhr
Einlass bereits ab 18Uhr
Update Auch im Jahr 2010 ist Judith Butler wieder in Berlin. Sie spricht an der Volksbühne über über Queere Bündnisse und die Antikriegspolitik
Judith Butler, Professorin für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California, Berkeley, hält einen Vortrag mit dem Titel „Frames of War“.
Der Vortrag ist in englischer Sprache.
Um Anmeldung wird bis zum 27. Januar unter butler@dhc.fu-berlin.de gebeten.
Wo?
Audimax des Henry Ford-Baus (Garystraße 35, 14195 Berlin-Dahlem - U-Bahnhof Thielplatz).
Wann?
03.02.2009, 19Uhr
Einlass bereits ab 18Uhr
Update Auch im Jahr 2010 ist Judith Butler wieder in Berlin. Sie spricht an der Volksbühne über über Queere Bündnisse und die Antikriegspolitik
Geschrieben von queer-o-mat
in Vortrag
um
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Donnerstag, 13. November 2008
Obama, Butler und das Gegeneinander der Unterdrückten
Mit dem Kommentar Judith Butlers zu den auf die in Barack Obama gesetzten Hoffnungen folgenden Enttäuschungen trifft Judith Butler durchaus offene Fragen. Die strahlende Inkarnation der Hoffnung Obama überstrahlt an der ein oder anderen Stelle die sich fortsetzenden Diskriminierungen.
Die historische Sternstunde der Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten geht einher mit der Abwahl der Homo-Ehe in Kalifornien, ohne dass dieser Fakt einen Schatten werfen konnte.
Nun kann mensch der Homo-Ehe sehr verschieden gegenüber stehen, sie als Höhepunkt der Homosexuellenbewegung oder als Verrat am queeren Projekt der Pluralisierung von Lebens- und Liebensformen verstehen. Jedoch scheint es sich hierbei um ein Phänomen ganz anderer Art zu handeln. Nämlich dem gegenseitigem Ausspielen von marginalisierten Gruppen.
Wird es einerseits möglich, einen schwarzen Präsidenten zu wählen, findet auf der anderen Seite die Sanktionierung einer anderen diskirminierten und benachteiligten Gruppe statt - ausgeübt von den jeweils gleichen Wähler_innen.
Daher sollte die Wahl eines schwarzen Präsidenten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Homophobie und Rassismus Begleiterscheinungen des Diskurses sind, der den Sieg Obamas ermöglicht hat. Wie Butler bereits schreibt, ist die Wahl weniger aus Gründen der Diversität und der Offenheit gegenüber verschiedenen Lebenskonzepten geschuldet, sondern der neoliberalen Hoffnung, die Wirtschaftskrise baldigst abzuwenden.
Zumal Obama mehr noch für ein heteronormatives und harmonisches Familienmodell steht, als z.B. die Clintons mit ihrer Familiegschichte es je könnten. Die Herausforderung wird somit sein, nicht nur die Rechte und Möglichkeiten der afroamerikanischen Bevölkerung zu stärken, sondern auch der Queers, die in der Nacht seiner Wahl in dem Recht beschnitten worden sind, was für ihn selbstverständich war.
Die historische Sternstunde der Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten geht einher mit der Abwahl der Homo-Ehe in Kalifornien, ohne dass dieser Fakt einen Schatten werfen konnte.
Nun kann mensch der Homo-Ehe sehr verschieden gegenüber stehen, sie als Höhepunkt der Homosexuellenbewegung oder als Verrat am queeren Projekt der Pluralisierung von Lebens- und Liebensformen verstehen. Jedoch scheint es sich hierbei um ein Phänomen ganz anderer Art zu handeln. Nämlich dem gegenseitigem Ausspielen von marginalisierten Gruppen.
Wird es einerseits möglich, einen schwarzen Präsidenten zu wählen, findet auf der anderen Seite die Sanktionierung einer anderen diskirminierten und benachteiligten Gruppe statt - ausgeübt von den jeweils gleichen Wähler_innen.
Daher sollte die Wahl eines schwarzen Präsidenten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Homophobie und Rassismus Begleiterscheinungen des Diskurses sind, der den Sieg Obamas ermöglicht hat. Wie Butler bereits schreibt, ist die Wahl weniger aus Gründen der Diversität und der Offenheit gegenüber verschiedenen Lebenskonzepten geschuldet, sondern der neoliberalen Hoffnung, die Wirtschaftskrise baldigst abzuwenden.
Zumal Obama mehr noch für ein heteronormatives und harmonisches Familienmodell steht, als z.B. die Clintons mit ihrer Familiegschichte es je könnten. Die Herausforderung wird somit sein, nicht nur die Rechte und Möglichkeiten der afroamerikanischen Bevölkerung zu stärken, sondern auch der Queers, die in der Nacht seiner Wahl in dem Recht beschnitten worden sind, was für ihn selbstverständich war.
Geschrieben von queer-o-mat
in Nordamerika
um
18:28
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